Gedenkplatten und Grabsteine in der Martinskirche

Grabplatte Heinrich Schilling und Agnes

(am Ostende des nördlichen Seitenschiffes, unter Kanzeldeckel)

 

Grabplatte des 1352 verstorbenen Heinrich Schilling von Cannstatt und seiner Ehefrau Agnes von Sperberseck, gestorben 1350. Gilt als ältester Grabstein im Altkreis Nürtingen.
Die Schillings waren in Neuffen im "Großen Haus" als Vasallen der Herren von Neuffen Sesshaft geworden und stammten aus Cannstatt. Sie könnten die Stifter des Chores gewesen sein.
Hochrechteckiger Stein in glattem, gestrichenem Stein mit abgefasten Kanten. Die Platte wurde laut Aufschrift unten rechts 1891 renoviert und dabei möglicherweise gründlich überarbeitet.


Oben Wappen des verstorbenen Heinrich Schilling von Cannstatt:
Kanne auf Helm.
Unten Wappenschild der verstorbenen Agnes Schilling von Cannstatt, geborener von Sperberseck:
Ein in 16 Teile geteiltes Stichwappen, der geschachtete Schild der Sperberseck, um das Wappen ein Ring mit Aufschrift (dieses Wappen vermutlich original).

Zwischen den Wappen:
Betrachterseitig nach links geneigtes Schild mit dem Wappen des Verstorbenen Heinrich Schilling von Cannstatt sowie großer Helmzier.

 

Inschriften

(gelesen von Wolf Goeltzer, 2014 - vielen Dank!)

Die eingehauene Inschrift, die bei einer Wiederherstellung wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilweise wohl entstellt wurde, auf der Kante betrach­tersei­tig links oben beginnend und im Gegenuhrzeigersinne fortlaufend :

 

„ANO [über dem N ein liegender Strich] . DNI [über dem N ein liegender Strich] . M . CCCo . Lo . IIo . OB [über beiden Buchstaben ein liegender Strich] . DNS [über dem N ein liegen­der Strich] . HAĪRIC9 . DE . SCHILLĪG . MILES . INVICTVS . / FVNDATOR . … [die Auslassung im Ori­ginal, da die In­schrift heute an dieser Stelle beschä­digt ist, ur­sprünglich wohl ALTARIVM oder ALTARII zu lesen gewesen] . S[VB] . CĀCEL[O] . / CONSTRVCTORVM . [ET] . CONSECRATORVM . Ī . HORE [über O und R ein liegender Strich] . BTI [über dem T ein lie­gen­der Strich] . IOHIS [das wie eine große Minuskel geschriebene H oben mit einem Quer­strich] . BAPTE [A und P ligiert, über P und T ein liegender Strich] . / KATRINE . [ET] . MARGETE [über dem G ein liegender Strich] . VIGINV [über dem ersten V ein Auslassungs­zeichen, über dem zweiten V ein lie­gender Strich] . +”

 

Umgeschrieben die Inschrift also zu lesen : „AN[N]O . D[OMI]NI . M . CCCo . Lo . IIo . OB[IIT] . D[OMI]N[V]S . HAI[N]RIC[VS] . DE . SCHILLI[N]G . MILES . INVICTVS . / FVNDA­TOR . [ALTARII] . S[VB] . CA[N]CEL[LO] . / CONSTRVCTORVM . [ET] . CONSECRATORVM . I[N] . HO[NO]RE[M] . B[EA]TI . IOH[ANN]IS . BAPT[IST]E . / KATRINE . [ET] . MARG[AR]ETE . VI[R]GINV[M] . +“.

 

Die deutsche Übersetzung müsste lauten : „Im Jahre des Herrn MCCCLII = 1352 ist gestorben Herr Heinrich von Schilling, unbesiegter Ritter, Stifter des Altares vor der Grablege der Erbauer und Stifter, errichtet und geweiht zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers und der Jungfrauen Katharina und Margarethe“.

 

Die eingehauene In­schrift auf der ringförmigen Rahmung des Wappens der Verstorbenen Agnes Schilling von Cannstatt, geborener von Sperberseck, betrachter­seitig im rechten oberen Kreisabschnitt beginnend und im Uhrzeigersinne fortlau­fend:

 

„AO [über beiden Buchsta­ben ein liegen­der Strich] . [ein spiegelverkehrtes G, die­ses wahrscheinlich eine ver­schriebene Abkürzung für „D“ = Domini] . qqOC [die beiden letzten Buchsta­ben li­giert, da in einer älteren zeichnerischen Aufnahme zu­sätzlich ein L zu lesen ist, das römische Zahlzeichen für 50, anzunehmen, daß an der Stelle der heutigen Zeichen ursprünglich die Jahreszahl 1350 zu lesen war] . OB [über dem B ein liegender Strich] . DNA [über dem N ein liegender Strich] . AGNES . VXOR . SVA . DE . SPERBERSEK .

Umgeschrieben die Inschrift also zu lesen : „A[NN]O . D[OMINI] . [MCCCL] . OB[IIT] . D[OMI]NA . AGNES . VXOR . SVA . DE . SPERBERSEK .“.

 

Die deutsche Übersetzung müsste lauten : „Im Jahre des Herrn MCCCL = 1350 ist gestorben Frau Agnes, seine [Heinrich Schillings von Cannstatt] Ehefrau, von Sperberseck“.

 

Erläuterungen:

Die Inschrift auf der Kante des Grabsteines weist darauf hin, dass Heinrich Schil­ling von Cannstatt wohl aus Anlass des Todes seiner Frau Agnes, geborener von Sperberseck, im Jahre 1350 ein Jahr darauf – 1351 – einen Altar zu Ehren Johannes des Täufers sowie der heiligen Katharina und Margarethe in der Pfarrkirche St. Mar­tin in Neuffen gestiftet hat.

 

Der Ausdruck „FVNDATOR . [ALTARII] . S[VB] . CA[N]CEL[LO] . / CONSTRVCTORVM . [ET] . CONSECRATORVM” am sinnvollsten derart zu deuten, daß der von Heinrich Schilling von Cannstatt gestiftete Altar vor den Gräbern bzw. der Grablege der Stif­ter und Bauherren der Stifter bzw. Gründer der Kirche errichtet wurde. (Vgl. Mittella­teinisches Wörterbuch bis zum ausgehenden 13. Jahrhundert. Begründet von Paul Lehmann und Johannes Stroux. Band II : C. Redigiert von Otto Prinz (unter Mitarbeit von Johannes Schneider), Theresia Payr und Peter Dinter. München 1999), Sp. 148 – 149.

 

Recht interessante Hinweise zu dem Grabdenkmal können einer bereits älteren Publi­kation entnommen werden, die in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart unter der Signatur Allg. G. oct. 3055 entleihbar ist – Geschlechtsbeschreibung der Familie Schilling von Cannstatt als Neubearbeitung und Fortsetzung der Geschlechtsbe­schreibung derer von Schilling von Karl Friedrich Freiherr Schilling von Cannstatt (1807) bearbeitet durch Ernst Freiherrn von Schilling von Cannstatt. Heidelberg 1905, v. a. S. 11 – 12. Dort ist auf S. 12 die Bemerkung zu finden: „Gewiß in der besten Absicht ist das Grabmal [für Heinrich Schilling von Cannstatt] aber leider mit Ölfar­be überstrichen und der untere Teil mit dem sperberseckschen Schild zwar richtig, aber wenig stilgemäß wiederherge­stellt wor­den.“ Deshalb ist davon auszugehen, dass im Zuge dieser – wie man im späten 19. Jahrhun­dert gesagt hätte – „Ver­schlimmbesserung“ in die Inschrift(en) Fehler eingebaut wurden.

Gedenkplatte Waldenberger

(Grabplatte rechts neben Kanzel)


Barocke rechteckige Tafel mit blattverziertem Rand,
innen oben und unten eine Schriftplatte, floral gerahmt.
Zentral ein als Rüstung konzipiertes Element:
Zentral gesichtsloser Helm, darüber Krone, auf der Krone eine gerüstete Figur mit einem dreiblättrigen Stab in der Hand.
Unter dem Helm hängt am Hals eine Medaille über einem Brustpanzer.
Zwei Wappenschilde zeigen links denselben gerüsteten Mann von der Spitze
und rechts einen gerüsteten Arm mit einem Florett in der Hand.
 
Aufsatz (wohl später hinzugefügt): Floral umrankte Schriftplatte:
und 2 Sohnlein Christoph
Fried Waldenberger ät 7 ann
Wilhelm Ludwig Waldenber
ger ät 2 ann Inckelin anna
Magdalena H Beutels Tochter
ät 37 Woch Got Gabe alen ein
froliche Auferstehung
 
oberes Schriftschild:
Leicht Text
2.Tim 4 V 7.8 Ich habe einen
gueten Kampf gekämpfet. Ich ha
be den Lauf volendet ich habe Gla(u)
ben gehalten. Hinfort ist mier
beygeleget die Kron der Ger
echtigkeit.
 
unteres Schriftschild:
Hier ruhet der woledel vest
und manhafte H Joh Wolfg Wal-
denberger Rittmeister v comen
dantavi Hohenneufen begrabe
den 2. Mart 1688 und seine Frau
Maria Magdalena Waldenbe
rgerin
 
Das Grab zu dieser Platte war auf dem Kirchhof, der Stein wurde zum Schutz hereingebracht und befand sich nach 1907 im Chor.

Gedenkplatte Berthold Schilling

(innere Nordwand des Chores oben)

 

Grabmal für Berthold Schilling, gestorben 1479.
 
Gestalt:

Flache Grundplatte mit leicht ab­gefa­sten Kanten, ein Astwerkbaldachin mit Astwerk­basis auf­gelegt, dessen Kielbo­gen von einem auf dem Kopf stehenden korbähnlichen Bogen über­schnitten wird, im inneren Feld unter­halb der mitt­leren Querachse ein breiter Schild mit einer Kanne in Relief und darüber ei­nem beinahe vollplastischen Topfhelm, über dem Helm eine beina­he vollplastische Kanne, letztere, Helm und Kanne von Laubwerk umgeben, um die Stützen des Ast­werkbaldachins und un­ter dem Kielbogen ein gewun­denes Band verlaufend.

 

Am be­trachterseitig linken Rand von unten nach oben die In­schrift :

„genant gertin dem got“,

 

am betrachterseitig rechten Rand von oben nach unten die In­schrift :

„gnedig und barmherzig sy“.

 

Auf dem Band links unten begin­nend und im Uhr­zeigersinne fortlaufend die Inschrift:
„ano [über dem n ein liegender Strich] / dni [über dem n ein lie­gender Strich] / m . cccc / lxxix / iar an dem x tag / des merzen / starb der [d und e ligiert] edel / vnd vest / … rtold / …hillī…“.

 

Umgeschrieben die Inschrift also zu lesen : „an[n]o d[omi]ni m . cccc / lxxix / iar an dem x tag / des merzen / starb der edel / vnd vest / [be]rtold / [sc]hilli[ng], genant gertin, dem got gnedig und barmerzig sy“.

 

Die deutsche Übersetzung müsste lauten : „Im Jahre des Herrn MCCCCLXXIX = 1479 am 10. Tag des [Monats] März starb der edel und fest [Be]rtold [Sc]hilli[ng], genannt gertin, dem Gott gnädig und barmherzig sei“.

 

(Beschreibung, Inschrift und Deutung von Wolf Goeltzer)

 

Gedenkplatte Maria Elisabetha Johanna Beyer (Tochter Beyer)

(Grabtafel links Nordseite Chor)

 

Platte gegossen in schwarzem Eisen, wurde 1908 mit der Nachbarplatte vom Kirchhof in die Kirche verlegt.
Ornamentik läuft an der Spitze in Krone aus, am Fuß Gebeinkreuz und Totenschädel. Aufschrift in Majuskeln (hier für bessere Lesbarkeit in Groß-/Kleinschreibung transkribiert):
 
Steh
Wanderer hier Still
Hier ligt der Tugend Bild
Der Eltern Trost und Freud
Im Alter einst ihr Schild
Der Brüder Augenweid
Die Blüthe junger Jahre
Ein alzufrüher Raum
Der schwarzen Todten-Bahre
Auf dessen Lippen ligt
Noch unser Stiller Kus
Und auf dem Angesicht
Von uns ein Thraenen Gus.
Sie ware
Maria Elisabetha Iohanna
eine einige und erwünschte Tochter
von uns durch disen Verlust auf das
empfindlichste gerührten Eltern
Iohann Adam Beyer
Oberamtmann zu Neuffen
und
Susanna Rosina
einer gebohrnen Schmidin
Sie sahe dises Licht der Welt
den 18. Ian: 1746.
und eilte in das Himmels Zelt
den 26. Febr: 1763
Wir wollen einen Bund
mit deinen Brüdern stifften
und diser, liebstes Kind,
soll in dem Herzen stehn
Es wird dis Eisen wohl
dreinsten samt den Schriften
doch dein Gedächtnus nicht
bey uns zu Grunde gehen.
Leichen Text Phil:I.V.23
Ich habe Lust abzuscheiden
und bey Christo zu seyn.
 
Der Vater war Amtmann, die Schwester von dem Pfarrer, die Tochter vom Pfarrer in Beuren wurde die Mutter von Mörike (nachdem sie Apotheker von Ludwigsburg geheiratet hatte).

Gedenkplatte Anna Maria Werttwein

(Grabplatte rechts auf Nordseite Chor)
 
Rechteckige Sandsteinplatte, wurde 1908 vom Kirchhof in die Kirche verlegt.
Zentral ein Kreuz mit Dreipass an den Enden, unten ein Wappen (Kanne über Trauben?).
 
Inschrift Rand, beginnend oben links:
Zuvor Anno 1620 den 6. October wurden n[zerstörter Eckbereich]gst hie neben ob ehrngedachte M. Hern, Zwen ivngeknaben Welche in erster Ehe erzeigt [unterer Rand mit vielen Schäden]vi dich Wolf AT 5 Iahr Welche durch Vergeb öhr v ihrer Magt erbermlich Tods Gestorben.
 
Inschrift Feld:
Negst hirfor ligt zu Ruoh und haret uff den gr
ossen Tag des Herrn, die Edle vihl Tugendreiche
Frau Anna Maria des edlen Best..gend und
manhaften Herrn Johan Werttwein
F. W. Wolbestesten Hauptmans der Vestung
Hohenneuffen gewesne Liebe Hausfrauen
geborne …. in i G ieß alters 33 [oder 37] Jahr
welche in der Eh nur 48 Wochen ge
lebt. Und den 18 Junij 1622 nachts
zu 12 uhr mit höchsten Schmerzen doch
grosser Gedult einer do?chter gensen so
Ursula Elenora
getauft bald drauf in 2
stunden gar sonst und delligsich im
Herzen entschlaffen den andern Jullij
hernach volgete gleicher gestalt
auch das liebe Kind und ward zu der
Murter ein gelegtt Welchen Beden
der Almechtige Gott am Jüngst
tage ein frehlich Ufferstehung ver
leihen wolle. Amen. Amen.
Ich haß Jahei die Hasser dem
die dir Bilde? im Wort zu…