Gestalt und Geschichte der Martinskirche

Die Kirchenbaugeschichte in Neuffen begann sicherlich früh mit Vorgängerbauten. Vermutlich um das 7. Jahrhundert wurden im von den christlich gewordenen Franken eingenommen Raum vor der Alb Kirchen eingerichtet, die häufig dem Hl. Martin von Tours geweiht waren. Es heißt, dass bei Grabarbeiten zur Heizungsanlage 1932 Mauerreste von Vorgängerkirchen gefunden wurden, aber dazu existiert keine Dokumentation. An die Westempore hat man in diesen Jahren geschrieben: "Wo einst das Holzkirchlein zu St. Martin und später ein romanischer Steinbau stand." Das entspricht der allgemein für gotische Kirchen in Württemberg angenommenen und an verschiedenen Orten belegten Vorgeschichte.

Zum ersten Mal genannt wird für Neuffen eine Kirche 1275.

Die gotische Erbauungszeit

In der Zeit zwischen 1300 und 1350 die neue gotische Kirche als dreischiffige Basilika mit hohem Chor. Neuffen gehörte 1312-1316 zur freien Reichsstadt Esslingen und die dortige Stadtkirche kann als (allerdings deutlich größere und prächtigere) Vorlage gedient haben.

Das Langhaus trägt noch frühgotische Züge. Dem Bautyp "Basilika" entsprechend besitzt die Martinskirche ein Mittelschiff, dass über die niedrigeren Seitenschiffe noch einmal mit einer hohen Wand hinausragt. Dieser Obergaden ruht auf 4 Rundsäulen. Im Obergaden sind auf beiden Seiten 4 über die Länge gleich verteilte (und damit jeweils über den Säulen platzierte) gotische Fenster eingelassen, die von oben Licht in die Kirche bringen.

5 weite Spitzbogen spannen sich von Säule zu Säule sowie vorn und hinten gegen die Wand, wobei hinten eine Halbsäule vor der Wand besteht und vorn nicht (entgegen dem hier gezeigten Grundriss). Das Langhaus ist so in 5 Joche geteilt, denen in der Seitenschiffwand jeweils 4 Fenster und mittig ein Seitenportal zugeordnet sind. Nach Westen ist zentral ein Hauptportal angeordnet und darüber ein großes dreibahniges Fenster. Im nördlichen Teil der Westwand gibt es ein eigenes Fenster (im südlichen hat wohl der Ölberg ein früheres Fenster verdeckt). Das Langhaus ist ganz ohne figürlichen Schmuck gestaltet.

Ob die Decken einmal offene Dachstühle gezeigt haben, ist dem Chronisten unbekannt. Im Stadtbrand ist jedenfalls das ganze Dach verloren gegangen.

Der Turm der Martinskirche gehört in seinem unteren Teil ebenfalls der gotischen Bauepoche an und hat Mauerstärken von 110 cm. Gut möglich ist, dass ursprünglich ein zweiter Turm gegenüber geplant war, wo sich heute die Sakristei befindet.

Im Anschluss an das Langhaus entstand der hochgotische Chorbau der Martinskirche.

Der Chor besitzt zwei kreuzgewölbte Joche und einen 5/8-Schluss. Das Gewölbe wird nach außen durch Strebepfeiler abgefangen. In drei figürlichen Schlusssteine laufen die Kreuzrippen des Gewölbes zusammen. Die Stichkappen des Gewölbes werden außen von spitzbogig zusammentreffenden Rippen nachgezeichnet. Die Rippen laufen in Gewölbediensten zusammen, die auf Konsolsteinen etwa in halber Höhe ansetzen, die figürlich gestaltet sind. Nur die vier Dienste im Chorscheitel laufen als Runddienste unterhalb der Kapitelle hinunter zum Boden, wo sie im letzten Stück als Säulenfuß verdickt ankommen. Auch der Chorbogen zum Schiff fusst auf halbhoch gesetzten figürlichen Konsolen (zum figürlichen Schmuck siehe Kunst innen).

 

Die Sakristei wurde außen als Verlängerung des südlichen Seitenschiffs gestaltet. Sie besitzt Fenster im Osten und Süden. Nach Süden ist unterhalb des Fensters ein Ausguss oder Waschbecken eingerichtet worden. Die Sakristei ist ein schöner kreuzrippengewölbter Raum. Der Schlussstein zeigt einen von dichtem Haar umgebenen (Christus?-)Kopf, der auf dem Kopf stehend zur Tür schaut. Im nordöstlichen Eck gibt es ein Kapitell in Gestalt eines (Christus?-)Kopfes, im nordwestlichen Eck ein (nachträglich eingefügtes?) Kapitell in Gestalt einer Taube als Symbol des Heiligen Geistes, im südwestlichen Eck ein Kapitell in Tiergestalt.

Der Ölberg von 1504 vervollständigte das gotische Kirchenbauwerk.

Zerstörung im Stadtbrand 1634 und Wiederaufbau

Ansicht (vor 1900?)

Im September 1634 gab es durch einen Kroateneinfall im Zusammenhang des 30-jährigen Krieges einen Stadtbrand, dem die gesamte Stadt und auch die Kirche zum Opfer fiel. Alles aus Holz gebaute war zerstört und auch Mauerwerk in der Substanz geschädigt, die Südwand des Mittelschiffs im Langhaus stürzte ein. Das Chorgewölbe hielt jedoch.

Anschließend wurde zuerst das Dach über dem Chor wieder errichtet. An Stelle der eingestürzten südlichen Hochwand wurde eine von verputzten Eichenstämmen getragene Wand aus Fachwerk errichtet, die von Stützbalken zur Nordwand gesichert wurde (so blieb das bis 1932, s.u.).

1648 konnten am neuen Taufstein zwei Kinder getauft werden und eine Trauung gehalten werden.

1650 erhielt der Turm sein Dach. Als neuartiges Element wurde der Turm mit einer Glockenstube in Fachwerk wieder aufgebaut. Es handelt sich um einen dünnen, wiederum preiswert geplanten Aufbau. Im Inneren versammelten sich nach und nach wieder 3 Glocken in einem gewaltigen Eichenglockenstuhl.

1667 wurde der Wiederaufbau mit den Malerarbeiten durch Maler Hermann aus Reutlingen vollendet.

1905 und 1907 mussten Erneuerungen im Chorinneren durchgeführt werden.

Erneuerung und Umbau 1932

Inneres nach hinten vor 1932

Die Probleme mit der Substanz der Kirche seit dem notdürftigen Wiederaufbau im Anschluss an den Stadtbrand führten 1932 zu einer grundlegenden Renovierung und Neukonzeption.

Die vorhandenen Emporen und das alte Gestühl wurden herausgenommen. Die Kanzel wurde aus dem Mittelschiff entfernt und lediglich der Kanzeldeckel aufbewahrt.

Die südliche Mittelschiffwand war baufällig und man trug sie komplett ab und baute sie neu auf aus neuen (Beton-)Rundsäulen samt Aufmauerung.

Inneres vor 1980

Die neue Konzeption wurde geplant von Prof. Hans Seytter aus Stuttgart.

Das neue Gestühl füllt das gesamte Mittelschiff ohne Mittelgang. In den Seitenschiffen wurden Bänke entlang der Außenwand gruppiert. Die neue Empore überdeckt im Westen ein Joch des Mittelschiffs und verläuft über den Seitenschiffen weiter nach vorn zum nächsten Pfeiler um von dort in einem Bogen in die Außenwand einzumünden.

Eine neue Kanzel wurde vorn an der südlichen Seite der Öffnung zum Chor angeordnet. Der historische Kanzeldeckel wurde im Seitenschiff aufgehängt. Die Orgel wurde im Chor aufgestellt mit einem damals modernen Freipfeifenprospekt.

Eine neue Kirchenheizung wurde als Warmluftheizung konzipiert und dazu unterhalb des nördlichen Seitenschiffs ein Heizkeller angelegt.

Neuere Veränderungen

Mit der Erneuerung 1932 wurde das mittlere Chorfenster von Walter Kohler installiert. Erst 1962 wurden sie rechts und links ergänzt durch dessen Sohn Wolf-Dieter, der 1963 auch für das Westfenster sorgte.

1957 gab es eine Turmerneuerung und 1981 eine gesamte Außenerneuerung. 1982 erhielt die Kirche eine neue Orgel durch die Firma Weigle (Entwurf: Walter Supper).